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Licht und Schatten auf der revidierten Muster-Industriebaurichtlinie

Im März 2014 hatte die Bauministerkonferenz nach mehrjährigen Arbeiten innerhalb der ARGEBAU („Arbeitsgemeinschaft der für das Bauen zuständigen Senatoren und Minister der Länder“) die überarbeitete Muster-Industriebaurichtlinie verabschiedet. Als solche ist sie erst einmal ein Muster, das für die Länder freibleibend ist; diese können das Muster, müssen es aber nicht übernehmen, dürfen es auch abwandeln. Das Muster entfaltet als solches keine Rechtswirkung für Bauaufsichtsbehörden und Bauherren. Rechtswirkung entfaltet erst eine Landesregelung, mit der die revidierte Fassung als IndBauRiL im jeweiligen Landesrecht eingeführt bzw. umgesetzt wird.

Der ZVEI sieht bei der revidierten MIndBauRiL im Ergebnis Licht und Schatten.

Der ZVEI begrüßt

• die Beibehaltung des bisherigen doppelgleisigen Systems, neben standardisierten Planungsverfahren den Brandschutz auch mit ingenieurtechnischen Methoden berechnen zu können, um individuelle und fortschrittliche Lösungen realisieren zu können, die deutlich vom Standardmodell abweichen

• die Flexibilisierung der Regelungen zur baulichen Ausgestaltung, wenn nunmehr Einbauten sowie geschoßübergreifend offene Ebenen innerhalb von Produktions- und Lagerhallen bereits als Standard geregelt werden, weil solche Ebenen schon bisher sehr häufig benötigt und realisiert werden

• die flexiblen Regelungen zur Entrauchung zwecks Erleichterung des Löschangriffs und zum Schutz der Feuerwehr-Einsatzkräfte, die nicht zwingend ausschließlich die Verwendung von nach harmonisiertem Bauproduktenrecht geprüften und CE-gekennzeichneten Produkten, insbesondere sog. „NRWG – Natürliches Rauch- und Wärmeabzugsgerät“ nach hEN 12101-2 verlangen.

Kritisch sieht der ZVEI, dass raucharme Angriffswege für die Feuerwehr ausdrücklich geregelt wurden, während es keine Maßgabe für raucharme Fluchtwege zum Schutz der Gebäudenutzer gibt, obwohl auch die revidierte MindBauRiL wie schon die alte Fassung eine maximale Laufweglänge des Fluchtwegs von 105m, ggf. auch noch im Zick-Zack zwischen Maschinen und Materialstapeln, durch oder unter Produktionsanlagen her erlaubt.

Die ARGEBAU verweist insoweit auf ihr „Grundsatzpapier Entrauchung“ von 2009, wonach die Bauaufsichtsbehörden davon ausgehen, dass bei einem Gebäude, welches nach den Standards der allgemeinen Vorschriften, also ohne irgendwelche Abweichungen dazu, errichtet wird, einerseits die Gefährdung der Gebäudenutzer dadurch begrenzt wird, dass die Fluchtweglänge und die Verwendung brennbaren Materials in den Fluchtwegen begrenzt sind, andererseits im Brandfall alle Gebäudenutzer das Gebäude bereits verlassen haben, bevor die Fluchtwege verraucht und dadurch unbenutzbar geworden sind. Aus Sicht des ZVEI ist dies eine möglicherweise zu optimistische Annahme.

Problematisch ist, dass bei einem solchen Ansatz es allein dem Bauherrn und seinem Planer überlassen bleibt, zu prüfen und für das jeweils eigene Bauvorhaben zu entscheiden, ob im konkreten Einzelfall bei einem Brandereignis diese Annahme des Entrauchungskonzeptes der Bauaufsicht realisiert werden kann; die Entscheidung wird dadurch rechtlich betrachtet auf die haftungsrechtliche Ebene verschoben.

Weil durch diesen konzeptionellen Ansatz im bauaufsichtlichen Kontext das Problem raucharmer Fluchtwege schon im vorhinein und außerhalb der MIndBauRiL zumindest der Form nach gelöst war, konnte sich die MIndBauRiL auf Regelungen zur Entrauchung zwecks Erleichterung des Löschangriffs und Schutzes der Einsatzkräfte beschränken. Die Unterstützung der Brandbekämpfung ist bei Bränden in ausgedehnten Industriehallen ein sehr ernstes Problem.

Soweit allerdings ein Industriebau keine Produktions- und Lagerräume mit jeweils mehr als 200qm Grundfläche besitzt, wird bauaufsichtlich keinerlei Entrauchungsvorrichtung verlangt, auch nicht zur Brandbekämpfung, also nicht einmal ein mechanisch zu öffnendes Fenster.

Die neue MIndBauRiL spiegelt bei den dann folgenden Regelungen zur Entrauchung (Nrn. 5.7.1 und 5.7.2) die bereits dargestellte Differenzierung nach der Komplexität der inneren baulichen Ausgestal-tung des Industriebaus, also danach, ob geschossübergreifende offene Ebenen vorgesehen sind oder nicht durch unterschiedlich strenge Anforderungen an die technische Ausgestaltung der Entrauchungsvorrichtungen.

Für solche Bauten lautet zunächst die Grundforderung in Nr. 5.7:

„Produktions-, Lagerräume und Ebenen mit jeweils mehr als 200 m² Grundfläche müssen zur Unterstützung der Brandbekämpfung entraucht werden können.“

Um den Bauherren nun entgegen zu kommen und die Planung und Ausführung von Industriebauten zu vereinfachen, folgt dann ein sog. „Regelbeispielkatalog“, bei dessen Einhaltung von Rechts wegen die gerade genannte Vorgabe als eingehalten gilt, ohne dass dafür formell eine Abweichung oder Erleichterung bauaufsichtlich beantragt werden müsste oder könnte.

Der Regelbeispielkatalog befasst sich zunächst (Nr. 5.7.1) mit der „Rauchableitung aus Produktions- und Lagerräumen ohne Ebenen“. Für diese legt er in Nr. 5.7.1.1 als „Grundbeispiel“ fest, dass für je 400qm Grundfläche ein zertifiziertes „Rauchabzugsgerät“ nach der harmonisierten EN 12101-2 eingebaut werden muss, welches entsprechend der Norm automatisch angesteuert und geöffnet wird, was weitere zertifizierte Vorrichtungen verlangt. Im nächsten Punkt (Nr. 5.7.1.2) regelt der Katalog dann aber „für Produktions- und Lagerräume mit nicht mehr als 1.600qm Grundfläche“, dass „diese Forderung“ auch ohne zertifizierte „Rauchabzugsgeräte“ erfüllt werden kann, wenn „Öffnungen zur Rauchableitung“ in Dach/Decke oder den Außenwänden mit festgelegter geometrischer Gesamtöffnungsfläche vorhanden sind, bei denen es genügt, wenn diese von den Rettungskräften mechanisch geöffnet werden können. Insoweit werden als ausreichend ausdrücklich „Türen und Fenster“ genannt.

Die praktische Folge dieser Regelung ist, dass diese Türen und Fenster oder sonstigen Öffnungsverschlüsse in der Außenhülle des Gebäudes keinen bauaufsichtlichen Verwendbarkeitsnachweis benötigen, dass sie zur Entrauchung im Brandfall geeignet sind, wie das bei dem zertifizierten Rauchabzugsgerät („NRWG“) durch das CE-Zeichen nach der Fall ist. Der Bauherr kann eine gleichwertige automatische Entrauchung im Brandfall ganz einfach und preiswert dadurch erreichen, dass er Fenster und Deckenöffnungen in seinem Industriebau zu Lüftungszwecken elektrisch steuerbar macht. Diese „natürliche Lüftungsanlage“ ist sinnvollerweise eine Rauch und Wärmeabzugszentrale, die mit der „dual use“-Eigenschaft „natürlich Lüften“ ausgestattet ist und an die automatische Rauchmelder angeschlossen werden, die bei Auftritt von Brandrauch die „Lüftungsklappen“ selbsttätig auslösen.

Damit der Bauherr darauf vertrauen kann, dass der Antrieb zur Öffnung der „Lüftungsklappe“ (zur sicheren Rauchableitung) im Brandfall auch tatsächlich funktioniert, sollte er Produkte verwenden, die vom Hersteller als konform zur DIN V 18232 Teil 8 gekennzeichnet sind.

Der Bauherr schlägt mit einer solchen technischen Lösung mehrere Fliegen mit einer Klappe:

Der Industriebau verfügt

• über eine automatisch steuerbare natürliche Lüftung; das Raumklima kann stets auf einem angenehmen oder jedenfalls erträglichen Niveau gehalten werden

• zugleich über eine automatische Rauch- und Wärmeabführung im Brandfall, die schon zu Brandbeginn eine raucharme Schicht erzeugt, die später gemäß der Vorgabe der MIndBauRiL jedenfalls die Arbeit der Feuerwehr bei der Brandbekämpfung erleichtert, aber ebenso schon zu Brandbeginn die Laufzone der Fluchtwege begehbar durch Aufbau einer sog. „raucharmen Schicht“ hält, womit der Bauherr auch noch sein Haftungsproblem löst

und

• der Bauherr spart die erheblichen Kosten für die bauproduktenrechtlichen Zertifikate, kann aber tatsächlich i.d.R technisch identische Anlagen bzw. Produkte bekommen.

Bei Produktions- und Lagerräumen „mit Ebenen“ (Nr. 5.7.2) gilt auch wieder zunächst die Grundregel (Nr. 5.7.2.1), dass ein NRWG je 400qm Grundfläche vorhanden sein muß, wobei dann weitergehende Festlegungen für größere Hallen- bzw. Dachflächen getroffen werden, oberhalb 1.600qm die Einteilung in sog. „Auslösegruppen“ und oberhalb 5.000qm in sog. „Brandbekämpfungsabschnitte“.

Ebenen in diesen Produktions- und Lagerräumen, die nicht mehr als 1.000qm bzw. 1.600qm haben, können aber ebenso wie kleine Hallen nach Nr. 5.7.1.2 mit nicht für die Entrauchung zertifizierten Fenstern und Türen ausgestattet werden, die mindestens durch die Feuerwehr mechanisch zu öffnen sein müssen, aber auch automatisch gesteuert werden dürfen, wenn eine Werkfeuerwehr vorhanden ist. Dies schränkt die Nutzung dieser Erleichterung in der Praxis ein, stellt aber für große Werkskomplexe oder Industrieparks, die über eine Werksfeuerwehr verfügen, gleichwohl eine reizvolle Alternative dar.

Weitere Regelungen betreffen dann zum einen Objekte, bei denen zugleich Löschanlagen und/oder Brandmeldeanlagen eingebaut werden sollen (Nr. 5.7.3), zum anderen Objekte, bei denen die Rauchableitung im jeweiligen Raum statt über Öffnungen in der Gebäudehülle über Schächte erfolgt (Nr. 5.7.4.1). Ferner wird der Vollständigkeit halber ausdrücklich gefordert, dass Fenster und Türen, auch soweit sie elektrisch betrieben werden, jedenfalls auch mechanisch zu öffnen (Nr. 5.7.4.2), ebenso Rauchabzugsanlagen auch per Hand bedient werden können müssen (Nrn. 5.7.4.3 und 5.7.4.4).

Neben der natürlichen Entrauchung gibt die MIndBauRiL für beide Raumversionen natürlich jeweils auch noch die Möglichkeit, maschinell zu entrauchen, wobei für die MRA („Maschinelle Entrau-chungsanlage“) jeweils bestimmte technische Mindestleistungsdaten gefordert werden (Nrn. 5.7.1.3 und 5.7.4.5).

Im Ergebnis müssen sowohl die Hersteller wie die Errichter im ZVEI mit der neuen MIndBauRiL leben, wenn sie denn erst einmal in den Ländern eingeführt sein wird. Für die Bauherren ergeben sich mehr Freiräume und kostengünstigere, aber gleichwohl sachgerechte Lösungen.

Anspruchsvoller wird es für Architekten und Brandschutzplaner, weil die formelle Handhabung des Bauordnungsrechts komplexer wird und weil sie beachten müssen, wenn sie eine automatische Entrauchungsanlage in die Genehmigungsplanung aufnehmen und diese mit zertifizierten Produkten bauen müssen. Wenn eine solche Entrauchungsanlage planungsgemäß bauaufsichtlich genehmigt wird, entsteht rechtlich dadurch eine baurechtliche Forderung, die mit zertifizierten Produkten umgesetzt werden muss.

 

Autor

Peter Krapp
ZVEI - Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V. –
Geschäftsführer Fachverband Sicherheit und Arge Errichter und Planer
Lyoner Straße 9
60528 Frankfurt am Main